Energie aus dem Zerfall
Texte von Frank Eckert aus der kompilation »Energie aus dem Zerfall«. Gelesen wurden die texte erstmalig im rahmen der ersten White Darkness.
Beziehungsende
Nicht leicht eine minute danach etwas zu schreiben.
fast ohne worte ging sie und mir bleibt nur der schmerz,
intensiv, in einer kristallinen reinheit wie lange
nicht mehr gekannt.
Hände fassen ins leere, keine berührung.
ein halb mensch, hier bin ich, wieder allein;
mit viel zu schnell verblassenden gedanken
an ein paar schöne stunden leben.
Alles erinnert mich an sie, eine leere lucky strike packung,
ein glas und selbst ein einzelnes haar am rand des waschbeckens,
einfach alles und es durchfährt mich, zieht sich von der
mitte bis in die verdammten fingerspitzen.
Sehe mein herz: graue leere.
zwei polaroids, schnell aus dem blickfeld verbannt,
es krampft sich in mir zusammen und meine Kehle ist
zugeschnürt. diese erstaunliche leichtigkeit
meiner tränen schmerzt am meisten.
Die frage nach der vergänglichkeit dieses brennens
im Konflikt zur erfahrung, gewinnt die oberhand,
erst mal einen kaffee und dann die ganze sache nüchtern
und sachlich betrachten aber es geht nicht.
Eine welle von verwirrend flimmernd-bunten gedanken und
dann wieder lithargie, im wechselspiel; im betäubten
hirn tosend, feuer und asche unter der oberfläche,
zum siedepunkt verkochtes blut stockt in den adern.
stille
herum, schläfriges gebilde eigener isolation
umhüllt mich in grotesker einsamkeit;
verwoben in eigenes fleisch
bodenstarrer blick
ergeben einer überkraft
vorüberzuckendes bild von ihr
fixiert feuernde synapsen.
schrilles grauen, dumpf verkettet
stillt unbändigen impuls
zur sanften melancholie
außen rauscht vorbei
wie blätterwind
gestern schön, nun jäh verkommen
steril verkrüppelt,
unkenntlich ins auge gepeitscht
flüsternd
eine toxische verblendung
zärtliche worte
von lieblich zitternder stimme
gewaltvoll in gehirn gebeilt
quälen sich zerstickend monoton
verkühlte venen hinab
in herz
fressend
luft zerätzt erstarrte lungen
farblose bleiche
in einst „so schönen augen“
zerflossen verhallt letztes lächeln aus ihnen
finstert zur blindheit
träge sich schließendes lid
Wald
Wo die Zecken nach dem Opfer glotzen
wo die Vögel auf die Wege kotzen
wo die Fische schon als Laich ersticken
wo Mutationen diese Welt erblicken
wo der Käfer sich am Baume labt
wo jeder den Abfall hinzuwerfen wagt
wo Methan dem faulen See entweicht
wo Chlor das grüne Gras schnell bleicht
wo viele Leichen sind verscharrt
wo es nach Schwefel riecht so zart
wo das Eichhorn tot vom Baume fällt
da ist der deutsche Wald
ein Stückchen heile Welt
bipolares intermezzo
klirrend zerstoben
tosende gedankensplitter
zwischen
wirr
kreischenden
hemisphären.
ergrauter morgen,
nacht ohne schlaf,
augen inhalieren -
stürzender wachtraum
aus müdem äther;
wollen tosend tobende
neuronengischt verseichten.
animalisch vorbewusste synapsen
meucheln vergraute ethik
an von denkfragmenten
bekritzelten
gewebeschichten
gestrig kastrierter
ich-extraktionskonstrukte.
du!,
schreistarres hirninferno,
brüllend,
kreiselnd,
zerstückelnde sichel
im zerfetzt zuckendenden
überrest von geist
bist nur
periodisches intermezzo
täglichen krepierens.
Station [impression]
Am Warteunterstell an der Station.
Ich auf den Sitzplanken mit Stahlfuss.
Der Blick wandert:
Eine Signalanlage gegenüber flaggt lautlos hektisch im Zehnsekundentakt
für leeres Gleis.
An der Kreuzung dahinter Ampeln, dem Beispiel synchron folgend,
präzise Befehle erteilend
für nicht vorhandene Autos
überall gerade Linien:
Spiegelnde Schienen, parallel, graben sich in die Dunkelheit
einer im Schwarz der Nachtunzeit terminierten Ferne;
drüber messern sich im Zickzack Oberleitungen durch die wässrig sterile Luft
ertragen von präzise-sachlich erigiertem Stahlmast
in brackig-kratziger Dunkelst-Grün-Verlacksiegelung -
der Rost frisst drunter durch
Eisiges Weisslicht bespeit den Fussweg,
die Strasse kristallisiert im schroffen Natrium-Orange-Gelb der Druckverleuchtung.
Verstahlteilbezaunung zergrenzt flachkleinbeschnittene Rasenrestfläche
zum Asphalt der Strasse
zum Gehweg aus glatter Steinstruktur.
Verteerte Quadersteine schirmen das Gleis vor Pflanzenbefall
Das Stadtfragment erstarrt zerhöhlt vom Tag zum Zementsarg -
Fernseher hinter Gardinengittern
zerflackern die letzten Schlaflosen in den Betonkästen,
treiben zum kampfigen Hochleistungskomaschlaf
Die ersten
Am morgen, dunkel, kalt, in einer ersten strassenbahn, warm.
Zum automobilwerk, fahren sie,
die ersten für diesen morgen,
vorhut des schichtwechsels,
die romanze animal Laborahns mit der waste-economy.
…angetreten zur funktion als erwerblicher!
Die eben noch still schweigend ruhenden körper,
körpermaschinen,
mit wasser, getauft, zur frühtäglichen grundfunktion,
gleichfalls befreit vom verdacht
des fäulnisgestanks nächtlicher,
unproduktiver ruhe,
sitzen nun,
alle,
- chemieduschgestank durchfibert die luft -
die verspannten körper
in carbonfasersitzschalen gepresst,
in der bahn,
wie schlachtvieh,
befördertwerdent.
Die müdigkeit verklebt
bleiern schwer,
schmerzhafte gravitation des lides,
die trockenen augen.
Ein nicht geringer teil
birgt heischend nach sex, skandal und tod,
das gesicht an einer
BILD.
Entfaltet starren gereihte typen
- eine identitätsbildende groteske -
auf jungem papier mit verlorenem,
doch scharfen mittelfalz
vorbei an den sitzgruppen.
Neben geiferndlechtzendem worterguss,
wölbende titten jungen fickversprechenden fleisches -
daneben krebskrepier,
steuerattacke,
neid, wut und
anzeige.
Andere lassen starre blicke
aus monotonen fenstern von aussenseitiger
dunkelheit
verschlingen.
Ein einzelner liest ein vergilbtes buch und passt nicht mehr.
Langsam, zuwider, bis zum stillstand, addieren augenblicke die ewigkeit.
eins
Flehendlichst frage ich in das kalte unsiversum
warum sie nicht hier bei mir sein kann.
Orion hütet ein paar wolken, hochoben am nachthimmel
und ich wünschte mir,
unsere blicke könnten sich dort finden.
mit ganzem herzen
verbluten wir
aus!
Notiz
rost in den augen
plastik im ohr
benzol in der nase
verdübeltes denken
mit zement in den heiseren kehlen
angstschweiss und nacht
tag und winselndes zucken
an zugfäden mit haken
aus berstender furcht
durch die haut geschlagen
der ruß von verheissungen
beschlägt die lungen
pfeifendes keuchen
von eiligen experten
auf dem röntgenbild
freiheit und wohlstand genannt
Doch nennen alle
die ihre narben erworben
den blick in millionen
spiegel gewohnt
den ohne narben
entstellt.
Traum
Zerrissenes gefühlsgeflecht,
wachgeschlagen von einem traum:
Begleite dich,
unbekannte schöne,
nahe seele,
die paar schritte,
zum bahnhof.
Dort wartet noch,
zu deiner freude,
der lodernd brennende zug
Neue hoffnung
Strampel, hoffnungsvolle ich-ag,
mobiler patchworker im kalten ozean
freien marktwirtschaftens -
glaube nur. Es geht voran!
Folg dem schattenriss des wohlstandsbootes,
im fahlen mondlicht amtlicher angstverordnung,
im tristen flackerschein der neonreklame,
begleitet vom blauen flimmern der fernsehaltäre.
Es geht um dich, nur um dich!
Verlier die beisshemmung, schlag um dich,
sortier menschen nach nutzen und geld.
Und. Vergiss nicht zu strampeln.
Konkurrenz belebt das geschäft der anderen.
Schlürf den kot, lass das bittere wasser
in deinen lungen antrieb werden,
strample schneller
und du wirst einer von ihnen sein,
irgendwann, vielleicht schon bald.
üb deine stimmbänder, schreien hält dich wach.
Durchtrenn mit elegantem schnitt
und freundschaftslächeln
die kehlen derer,
die du hinter dir lässt
und strample schneller!
Leck deine verquollenen wunden
mit zähem speichel voll durst,
so sie erstrahlen, erblühen
wie müdes blech
und strample angestrengter,
voll mit dumpfen hurenstolz
des sieges über dich;
deiner niederlage – marktsubjekt.
Pökle das aas deines körpers,
ich-ag, patchworker,
geniess deinen mehrwert,
deinen nährwert und verdaue dich,
eh die lungen vollgelaufen,
eh du abgeschlagen,
zerschlagen,
mit durchschnittener kehle,
ins nasse grab aus
marktwirtschaftlicher vernunft
und sachzwängen dich bettest.
Kippe
Kippe, unter dem druck des fingers,
glut verloschen, geknickt. An einem
riss im papier, unter dem filter
quillt tabak hervor, ruht sie auf
schwarzem stumpf in ihrer urne
neben ihresgleichen.
War wichtig fürs reptiliengehirn,
dem suchgedächtnis entprägte erinnerung
simulation von wohlbefinden,
streichelte mit nervengift das
belohnungszentrum.
War oraler reiz, frühkindlicher
traumata ein abglanz, kratzige
milch in die lungen gesogen;
mutterbrustersatz heisses filter.
War chemische reaktion, verbrennung,
eine emission von hämoglobinbindendem
kohlenmonoxid und nikotin und teer
und blausäure unter freiwerden von
wärmeenergie.
War ein gutes geschäft für jemanden,
gar für viele. Die einen fürstlich,
die vielen elend entlohnt. Profit
durch die sucht.
War aufruhr im körper, brachte regelsysteme
in gang, die homöostase wiederherzustellen.
Radikale verändern die doppelhelix, drei
möglichkeiten: reparatur, apoptose oder tumor.
War eine zeitspanne in dieser welt
im bewusstsein kurz, und verging zu
asche, hauptprodukt menschlicher kultur.
War mir ein halt im jetzt, ein stück
selbstmord und selbstbetrug und ein
grund zu schreiben.
Im folgenden werke handelt es sich um eine adaption eines bekannten textes von Gertrude Stein. „A rose is a rose is a rose is a rose“. Will mein werk verstanden, aber nicht als banalisierung missverstanden werden, so ist es, wie auch beim vorbild möglich, zu interpretieren, vom standpunkt eines semiotischen konstruktivismus aus. Nicht bin ich in der lage, mein werk vollends zu verstehen, ist es doch eine vielleicht unzureichende aneignung der tiefsten, noch abstrahierbaren lyrik der neuzeit. Der vorstoss zu dieser ebene bereitet kopfzerbrechen auf dem wege zur völligen klarheit. Die rückführung aus den steifen, verhärteten und kaum mehr als solche an-sich sichtbaren bildern der lyrik, hin zu elementarsten regungen menschlichen seins erschien zwingend. Gleichwohl möchte der text die rose aus ihrem sein an sich entheben, sie in ihrer bezweckung für mensch kausal darstellen und somit den wirkplatz der rose als wille und vorstellung des subjektes in eben jenem verdinglichten aspekt beleuchten, welcher kulturhistorisch am nächsten liegt: der rose als ebnerin des weges zum koitus. Hierher musste denn auch der sprachliche ausdruck stammen; aus eben jenen konkreten verbalisierungen elementarster triebhaftigkeit des mannes, in der die rose nicht rose ist, sondern direktes symbol für die onanie in der vagina der frau. Und in eben jenem selbstbezug des mannes über die rose ist wieder ein sein-an-sich des objektes hinauf bis in diese ebene angezeigt und zu beschreiben.
Vaginalrose
Ein fick ist ein fick ist ein fick ist ein fick.
Des grimmes minnesang
Stofftiere, voll von fluff
und heiserer watte,
legt auf die beiztische
nächtlicher notfallambulanzen
einen messwert, einen kreisch,
zum auffahren und donnern und saufen!
Ohren kaufen und sie zu stopfen
mit kieseln, kalk und bimsstein
ist die wahre sühne des leidenden,
wie eingleich den schorf zu tränken
mit grauen fettaugen des beharrlichsten
stumpfsinns.
Wer da halt! brüllt hat die schranke
längst eingestaubt. Nichts so schlimm
wie es ist! Ob blond, ob rot, ob braun -
die seuche schneidet ihr gewinde in
jeden faden glasbetrug.
Feigste nicht einst ein gott vom himmel,
alles obst könne mensch zu scheisse
wandeln ausser, ja ausser besagte
apfelsorte? Und
was solls?
In geschlossenen tunfischdosen ist es
mitunter dunkel und das beste gebiss
ersetzt das schrot der flinte nur
schwerlich. Doch bitter ist es in
wüsten: dort herrscht schon der sand!
Stillstand
Flucht ins bett, vom hier in quirligen traum;
vorm vorhang doch nur blind hetzende welt,
graue trümmernde feindin. Stinkender dunst
der rasenden, tösenden autos und menschen
mit ihren widerwärtig steinernen fratzen.
Nichts tun, nichts, nichts tun können, wollen.
Wie soll es sein?, drängen doch all die
flüsternden gedanken ins bewusste durchvor,
jeder übervoll übervoll mit zweifel und hass.
Treibend auf düsterstem gewässer. Kopfwelt und
fluchtpunkt. Singularität des seins. Und
erschöpft und leer und leer durch ein nichts
sterben impulse so sie entstehen.
Jedes ein unerreichbares, jedes ein grund für
die kapselung. Das morgen heisst verrotten.
Heute ist stillstand. Isolierung. Ersehnte
stille ohne ein wollen, ohne jedes können.
Der einkauf wartet, ein paar briefe wollen
versandt, rechnungen bezahlt werden – es ist
egal, ist viel zu unendlich weg und schon
im scheitern eh es getan, überfordert ohne
einhalt. Eine briefmarke fehlt, chaos
zerfrisst die vier wände, nichts zu finden.
Peitscht etwas in die aussenwelt, reicht ein
verletzender blick, ein stolpern oder die
verpasste bahn, den tag zu beerdigen, in das
archiv der nutzlosigkeit zu notieren.
In stillen nächten kreiselt im hirn gezahnte
angst vorm bald um den warmen gedanken des
suizids. Jedes tun ummauert, ummauert mit
mir allein.
Und sie können nicht verstehen, die
zusammenbrüche, die rastlose kraftlosigkeit,
die inneren ketten, die minuten voll von
sinnlosen tränen; nicht den schmerz und das
freisein von willen.
Verstehen nicht das vorbrechen der mania,
des kurzen schubes hastige manifestation
in der freude über eine blume am wegesrand
über farbe und form der bewegten wolken;
der lust am neuen, an der kitschigen
halben stunde mit schrägem nachtigallgesang.
Sie verstehen nicht.
Zusammenreissen soll man sich. Zeigen sollen
sie es mir mit einem stück entzweitem papier,
die dübelköpfe voll von tand und plastik. Oder
viel gehört: am riemen reissen – ach, fresst
euch selbst ihr narrenbrut, erstickt an eurer
gier, am lebensstandard und dem leichengift.
Trag mich, unwahre welt dort draussen, noch
einen zeigersprung und vergiss mich dann,
löse mich auf.
Ein lebensja wird nicht empfangen
aus den kalten hallen des kosmos.
Vergeblich recken die reflektormulden
sich dem rauschen des urknalls zu.
Ein paar kelvin vom anbeginn der zeit
flüstern leis von sinnlosigkeit und
verrecken.
Die nacktschnecke zieht ihres weges,
eh ihr leben kurzjäh zerknackt,
unter dem druck schneller reifen.
supernovae bringen bald schon
neuen, heissen leidensstaub
in die kälte.
Ein paar zirren,
nur ein paar zirren
am himmel
löschen die nacht.
Kleine Eiche
Wurzelst in schotter und sand
zwischen den gleisen. Nur etwa ein
dutzend blätter, dünnes ästlein,
was da einst ein baum werden möchte.
Reckst dich tag für tag der sonne entgegen
inhalierst den frischen regen. Für die
augen eines baumes: deine lebensspanne
bisher kaum mehr als ein wimpernschlag.
Wirst bald schon verkrüppelt, geköpft,
abgemäht vom stählernen fahrgestell hastig
blinden zuges, und welkst und stirbst -
übersehen und allein in der kälte eines
sonnigen wintermorgens.
Fast dort
Die sonne küsst ein letztes mal mit
zartem schlaglicht nah vom horizont.
Eine reihe pappeln, dürrer hagebutten-
busch, zaun und weide, mit fettigem
graphit und harter linie eilig in die
welt skizziert, drohen schwarze wolken
sich am firmament plusternd, von
nächtlichen regen.
Doch minuten bleiben, ein tapferes
strahlentuch bricht noch einmal die
wolken auf, eh das dunkel die welt
ertränkt. Ein fröhlicher trugduft
von apokalypse durchzittert die luft.
Im turm glockenschlag zur mitternacht.
Ein stück den weg noch entlang, ein paar
wenige minuten, könnte ich bei dir sein.
Dort wo du morgens in den spiegel blickst,
abends die musik spielen lässt. Dort
könnte ich sein, vor verschlossener tür,
ein paar bilder im kopf, sind mehr egal
als gestern noch, führt mich ein anderer
weg weiter, fort aus der erinnerung.
Tastende assel in einer profilkerbe des
hölzernen belags der brücke, hat zeit
wie ich. Schaut – und geht zurück in ihr
dunkles versteck. Allein rauscht das
wasser.
Die schöpfung für welche wir uns hielten,
nur eine zucht, sind wir doch nur die
malmsubstanz für den geehrten gotteskiefer.
Wie wir gott über unser vieh, ist gott das
wahre ende der nahrungskette und kannibalen
heilig, da sie wie der HERR sein wollen.