Rückblick, Einblick, Ausblick

Wenn ich auf die letzte Whitedarkness-Party zurückblicke, die Cretin Hop vom 3. Mai, dann bin ich mit einem wachsenden Unbehagen über die jüngere Entwicklung der Whitedarkness erfüllt. Nicht etwa, weil mir die Party nicht gefiel oder weil sie — wie jede unserer Veranstaltungen — auch mit Arbeit und Stress verbunden war, sondern weil ich langsam eine Entwicklung „einfahren“ sehe, die den ursprünglichen Intentionen der Whitedarkness entgegen steht. Und. Die mir immer mehr „meine eigene Veranstaltung“ „enteignet“. Und. Die mir meine Lust daran vergällt. Ich versuche hier einmal, dieses Unbehagen in Worte zu fassen, aber es ist ein etwas längerer Text.

Trotz seiner Länge haftet dem Text etwas „unreifes“ an, da ich ihn möglichst schnell nach einer konkreten persönlichen Erfahrung schreiben wollte. Zu leicht. Verdränge auch ich jene Erfahrungen, die mir nicht behagen.

Die Ursprünge

Als wir uns damals zusammenschlossen und einfach damit anfingen, die Whitedarkness zu „machen“, hatten wir recht klare Absichten und Ziele.

Wir stellten alle drei — Mira, Frank und ich — fest, dass viele Menschen in der so genannten „schwarzen Szene“ über ein künstlerisch-kreatives Potenzial verfügen, das sich auf den gewöhnlichen, kommerziell orientierten Veranstaltungen keinen angemessenen Ausdruck verschaffen kann. Unsere Absicht war es deshalb, diesem Potenzial einen Raum zu schaffen. Auch. Um es nicht verkümmern zu lassen. Deshalb wollten wir einen öffentliche und hürdenfreie Plattform schaffen, in der Werke aller Art präsentiert und erlebt werden können. Und. Eine Plattform, die den gegenseitigen Austausch der Kreativen und auch gemeinsame Projekte ermöglicht.

Wir wollten einfach der betrüblichen Reduktion der „Szene“ auf eine Haltung des Feierns und Konsumierens etwas entgegensetzen, einen Platz bieten, an dem die Schwarzträger nicht wie üblich nur im „Einheitsschritt“, sondern auch mal „aus der Reihe“ tanzen konnten. Dieses Projekt und unsere Veranstaltungen haben wir immer als etwas zum Mit-Machen empfunden, als einen wichtigen Gegenpol zu den populären Gelegenheiten zum eher passiven Bespaßen-Lassen. Die „Szene“ selbst begriffen wir schon damals — zumindest in Bezug auf Hannover — als etwas, was sich in einem gewissen Zerfall befindet; allerdings erschien und erscheint uns die Situation nicht als so hoffnungslos, dass wir uns in jenem viel zu oft beobachteten Fatalismus in die Privatheit oder Gleichgültigkeit zurückziehen wollen.

Unsere frühen Whitedarkness-Feten waren daher stets von einem Nebeneinander künstlerischen Ausdruckes und der Gelegenheit zum ausgelassenen „Abfeiern“ geprägt. Dies führte zu einer einmaligen, schwer zu beschreibenden Atmosphäre, die auch bei vielen Besuchern überraschend gut ankam. Zu dieser — zugegebenermaßen etwas elitären — Grundidee gesellte sich unsere völlige Konzeptlosigkeit in der Ausgestaltung, so dass jede unserer Veranstaltungen etwas Anderes, immer wieder Neues wurde. Dabei waren wir stets und oft auch etwas provozierend „unprofessionell“, „machten“ wir dies alles doch nicht aus einer Absicht der Gewinnerzielung heraus.

Die Entwicklung

Offenbar ist es uns nicht gelungen, dieses Konzept angemessen und/oder vernehmbar genug zu kommunizieren.

Die Vorstellung, dass eine Whitedarkness-Fete etwas zum Mit-Machen ist, trat im Laufe der folgenden Jahre immer mehr in den Hintergrund, und wir fanden uns immer mehr in der Position der „Macher“ wieder. Dies ging so weit, dass wir immer wieder erleben durften, dass man an uns wie an einen Dienstleister herantrat, wenn man etwas im Rahmen der Whitedarkness-Veranstaltungen „machen“ wollte (die Vorstellung des Mit-Machens verschwand auch zunehmend in den letzten Jahren) und uns keineswegs immer das freundlichste Feedback gab, wenn unsere „Leistungen“ nicht den (oft auch unausgesprochenen) Erwartungen entsprachen. Wir wurden, nur weil wir etwas tun anstatt einfach — wie so viele andere — nur über den Zerfall zu klagen, als ein Veranstalter unter vielen anderen angesehen, und man richtete an uns dementsprechende Erwartungen.

Auch die Erwartungen der Besucher unserer Feten verschoben sich immer mehr, sie empfanden die Whitedarkness einfach nur noch als eine Veranstaltung unter anderen. Auf der. Sie auch nichts anderes zu erleben scheinen wollten. Einige kommerzielle Veranstalter scheinen uns auch eher als Konkurrenten zu betrachten, obwohl es nie in unserer Absicht lag, in den Mitbewerb zu treten, sondern einen — unserer Meinung nach erforderlichen — Raum für jene zu schaffen, denen das „Gothic-Sein“ immer noch etwas mehr bedeutet als das äußere Erscheinungsbild und Abtanzen zu gewissen Musikstilen. Deshalb haben wir stets ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, unnötige Überschneidungen mit anderen Veranstaltungen zu vermeiden. Denn. Wir glauben nicht, dass mit einem geistlosen und rücksichtslosen Gegen-Ein-Ander irgendjemandem gedient ist. Und. Erachten es deshalb als kulturelle Selbstverständlichkeit, unnötige Konflikte zu vermeiden, dies allerdings nicht so, dass wir dabei einen betrüblichen Zerfall des „Szene-Lebens“ in eine reine und oberflächliche Bespaßungsmaschinerie wort- und tatenlos hinnehmen.

In diesem übergeordneten, schwer wahrnehmbaren und noch schwerer verbalisierbaren Prozess entstanden genau jene Mechanismen der abstrakten Arbeit, die wir als Gift für jede menschliche Kultur und als kontraproduktiv empfinden. Anders, als das bei „richtiger“ Arbeit der Fall wäre, ging dies für uns nicht mit dem Erwerb des abstrakten Gutes Geld einher, vielmehr mussten wir manches Mal den halben Abend hindurch hoffen, dass wir nach aller Mühe und allen Vorbereitungen wenigstens unsere eigenen Kosten gedeckt kriegten. Auch ist es keineswegs so, dass wir kein Leben neben der Whitedarkness hätten, das nicht mit seinen eigenen Mühen und Schwierigkeiten ausgestattet wäre; wir sind auch keine „Supermenschen“, die mit niemals versiegender psychischer und physischer Kraft ausgestattet wären. Ganz im Gegenteil, wir leben alle drei ein schwer beschädigtes Dasein. Und. Genau. Das. Ist der Grund, weshalb wir die Whitedarkness machen.

Kurz: Der mutmaßlich in Ermangelung eines anderen Deutungsschemas wahr- und damit für-wahr-genommenen „Professionalität“ der Whitedarkness steht auf unserer Seite weder eine existierende noch eine beabsichtigte Professionalität gegenüber. Und dieses im Laufe der Jahre immer größer gewordene Missverständnis ist für uns drei eine große Last geworden, da wir einem solchen Anspruch weder entsprechen wollen noch können. Diese Last vergällt uns zunehmend die Freude an unserem eigenen Handeln und raubt uns zu viel von der Kraft für das, was wir eigentlich bewegen wollen. Und. Unsere Kraft. (Für sich betrachtet.) Ist eher klein. (Aber. Noch nicht vollends ausgelöscht.) Und. Die Erschöpfung droht übermächtig zu werden.

Das Jetzt

Der momentane Zustand der Whitedarkness ist beklagenswert. (Ja. Er ist es wahrlich wert, dass man darüber klagt. Deshalb schreibe ich ja. Aber ich halte meinen Klagegesang kurz.)

Er ist so beklagenswert, dass mir als treffendstes Wort das wenig erbauliche Wort vom „Scheitern“ in den Sinn kommt. Wir scheinen vollkommen gescheitert, und zwar in der schmerzvollsten Form. Nicht etwa als Menschen, deren Handeln auf Gleichgültigkeit und Desinteresse stößt. Sondern. Als Menschen, die vom gleichen übergeordneten Prozess, dem sie eigentlich handelnd etwas entgegensetzen wollten, mit zäher Wucht in eine Rolle gezwängt werden, die sie niemals einnehmen wollten. (Der aus der Soziologie entlehnte Begriff von der Rolle drückt das abstrakte, nicht-eigene eines solchen Lebens durch einen Rückgriff in die Sprache des Theaters immer noch am deutlichsten aus, deshalb wähle ich hier einmal ein Wort, dass ich sonst hasse.)

Für mich ist das nicht tragbar. Und. Nach einem gestern noch in Erschöpfung geführten Gespräch am Ende des Abends weiß ich, dass es sowohl Mira als auch Frank sehr ähnlich dabei geht.

Wir machen inzwischen Feten, deren Gepräge den kommerziellen Veranstaltungen so stark entspricht, dass bei oberflächlicher Betrachtung keine Unterschiede mehr sichtbar werden. Das Besondere tritt natürlich immer noch in Randerscheinungen zu Tage, etwa im nicht-kommerziellen Rahmen jeder Fete, der uns besonders niedrig kalkulierte Eintrittspreise ermöglicht. (Unsere Getränkepreise entsprechen dem Standard im UJZ Korn.) Bei oberflächlicher Betrachtung ist dies für viele Besucher nur ein wirtschaftlich verstandener Vorteil gegenüber anderen Veranstaltungen.

Aber.

Das sind eben eher Randerscheinungen geworden. Leider.

Wenn man eine Whitedarkness mitgestaltet und im Laufe des Abends ein Bewusstsein dafür bekommt, dass alles dort sehr fremd geworden ist, bekommt der völlig zu Unrecht verruchte marxistische Begriff von der Entfremdung auf einmal seine sehr konkrete Bedeutung. Während zum dritten Mal hintereinander bei einer derartigen Fete eine Musik an meine Ohren dringt, die nicht mehr in meinem Leben verortet ist und doch stilistisch zur Regel geworden ist; während in den Gesprächen an der Kasse von großartigen Abenden nur noch in der Vergangenheitsform die Rede ist; während sich eine Routine breit macht, die etwas spürbar Geistloses bekommt; während man all das bewusst erlebt, bemerkt man eben auch, dass einem. Alles. Sehr fremd geworden ist.

Das Weiter

Ein Sprichwort der Dakota-Indianer lautet: „Wenn du bemerkst, dass du auf einem toten Pferd reitest, dann steig ab!“ — das klingt einfach, ist aber scheinbar nicht immer einfach. Wenn man sich umschaut, sieht man überall viele tote Pferde, die mit großem Eifer und oft mit knallender Peitsche beritten werden.

Ich habe nicht vor, das zu tun, was heute zu viele Menschen zu tun scheinen. Ich werde nicht versuchen, auf einem toten Pferd weiterzureiten. Da hilft auch keine lange Erörterung, wie man tote Pferde noch ein bisschen effektiver reiten kann und auch nicht der Trost, dass die Pferde an anderen Orten noch ein bisschen toter sind. (Ein Komparativ von „tot“ ist Schwachsinn im Superlativ. Aber irgendwie schon wieder „Gothic“. Sind. Wir. Nicht alle. Irgendwie ein bisschen untot.)

Nein, es muss eine Neuausrichtung der Whitedarkness-Feten geben, wenn ich mich auch nur ein bisschen darin wiederfinden will. Aber diese Neuausrichtung ist gar nichts „Neues“, sondern eine Rückbesinnung auf das, was die Whitedarkness immer hat sein wollen. Manchmal, und das waren die größeren Momente, war sie es sogar. Warum also sollte sie es nicht weider werden.

Denn eine Whitedarkness-Fete ist keine Batcave-Horrorpunk-Party. (Sie kann aber durchaus mal eine sein.)

Und. Eine Whitedarkness-Fete ist nicht nur eine Veranstaltung, auf der man sich bespaßen lässt. (Obwohl dafür immer ein Platz war, und obwohl es dafür auch immer den Platz geben sollte.)

Und. Eine Whitedarkness-Fete ist keine Konkurrenz zu den kommerziellen Veranstaltungen, die gegenwärtig den schwarz tragenden Scharen Hannovers für ihre Freizeitgestaltung angeboten werden. (Denn sie ist etwas fundamental anderes, in meinen Augen dabei natürlich auch etwas besseres, aber darüber können Meinungen gern aus ein ander gehen.)

Eine Whitedarkness-Fete ist eine Veranstaltung der Whitedarkness. Und. Sie steht damit auch unter dem Motto „Handeln statt Konsumieren“, indem sie dafür einen Rahmen schafft. Und zwar zwanglos, frei und anders. (Wer aber eher genießen will, was andere aus der schwarzen Subkultur so tun und schaffen, der soll durchaus auf seine Kosten kommen können.)

Der Diskussionsbedarf

Ich meine, dass hier durchaus Bedarf für einen offenen Austausch besteht. Dass die Richtung geändert werden muss, ist für mich unübersehbar geworden. Aber die konkrete Gestaltung eines solchen Richtungswechsels lässt viele Freiheiten zu, und wer die Whitedarkness noch mittragen möchte und ernsthaft daran interessiert ist, der fühle sich herzlich zu Widerreden, Vorschlägen, Zustimmungen in den Kommentaren oder hier im Forum eingeladen.

Eine Reaktion zu “Rückblick, Einblick, Ausblick”

  1. Elias Schwerdtfeger am 6. Mai 2008 um 20:22 Uhr

    Wichtig: Um eine Diskussion zu beiden Texten zur Entwicklung der Whitedarkness besser zu bündeln und für uns und euch durchschaubarer zu machen, habe ich ein neues Thema im Forum eröffnet. Bitte verwendet das Forum für eure allgemeineren Anmerkungen zur Entwicklung und für eure eventuellen Vorschläge.

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