Polizei gegen „politische Schönheit“

Eine kleine Meldung zum Thema „Kunst in schwierigen Zeiten“:

Am vergangenen Wahlsamstag wollte die Aktionskünstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“, die im September auch zur Bundestagswahl antritt, Horst Köhler mit dem Vortrag eines Gedichtes des Expressionisten Ernst Stadler zur Wiederwahl gratulieren – doch mit Lyrik konnte die Polizei offenbar nichts anfangen und schritt ein.

Weitere Informationen gibt es bei der Telepolis, ein Interview mit dem Aktionskünstler Philipp Ruch kann auf der Website der Rheinischen Post nachgelesen werden.

Und dies ist das Gedicht, das zu einem Polizeieinsatz und zur Verhaftung der Rezitierenden führte:

An die Schönheit (1904)
Ernst Stadler

So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder die vom Sonnenleuchten trunken
ein Lächeln um den Mund voll süßem Bangen

und ganz im Strudel goldnen Lichts versunken
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken

kühl schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter die von Dunkel triefen

und ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel
das hinter roten Wäldern hingegangen –

ihr leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel

Jeder beurteile bitte selbst, in wie fern vom Verlesen dieses expressionistischen Gedichtes in der Öffentlichkeit zum Anlass der Wiederwahl des Bundespräsidenten Horst Köhler eine wie auch immer definierte Gefahr ausgegangen sein könnte und in wie weit das Vorgehen der Polizeibeamten als verhältnismäßig betrachtet werden kann. Für mich — und ich bin da innerhalb der White Darkness wohl nicht der einzige — bleibt ein aufdringlicher Duft von Willkür zurück, wenn auf das öffentliche Lesen eines solchen Gedichtes mit einer Verhaftung reagiert wird.

ɥǝɹpɟdoʞ | kopfdreh

iǝɹǝlǝids ǝsoluuis slɐ
ǝʇɹǝʍsuǝʞɹǝɯǝq
sǝlǝiʌ ɥɔis ʇsiǝʍɹǝ
ʇǝʇɥɔɐɹʇǝq
ƃunʇɥɔiɹ uǝɹǝpuɐ ɹǝuiǝ snɐ

ǝʌiʇʞǝdsɹǝd uǝɹǝpuɐ ɹǝuiǝ
lɐɯɥɔuɐɯ sǝ ɟɹɐpǝq
uǝɥǝs nz ƃiʇɥɔiɹ
ǝƃuip ǝip ɯn

so dreh dich!

Konkrete Poesie

Dieses Video habe ich vor einigen Jahren für eine Whitedarkness gemacht. Es wurde im Rahmen einer Klangvernissage präsentiert, bei der wir einen DVD-Player zum Abspielen der einzelnen Tracks verwendeten. Bei den meisten Stücken wurde nur eine einfache Texttafel mit dem Namen des Künstlers und dem Titel des Werkes sichtbar, während ein wandernder Balken einen Anhaltspunkt gab, wie lange dieses Stück noch laufen wird. (Einen Eindruck dieser Präsentationsform kann man beim Anfang des Videos zum Manifest der hannoverschen Schule bekommen.) Meine Stücke liefen inmitten dieses recht langen Blocks, und bei einigen dieser Stücke wurden zur Überraschung des Publikums auch „richtige“ Videos eingeblendet. Das inhaltliche Niveau dieser Videos reichte von Dada bis „ambitioniert“, aber es war gerade das Video zu „Konkrete Poesie“, welches bei den meisten Besuchern den tiefsten Eindruck hinterließ, wie mir in den anschließenden Gesprächen zugetragen wurde.

YouTube-Direktlink auf Konkrete Poesie

Da ich gerade einen kleinen Rückblick auf die letzten Jahre meines Schaffens begonnen habe — manchmal muss man eben auch zur Besinnung kommen — drängt es mich, ein paar Worte zu diesem Video zu schreiben, von dessen Wirkung ich selbst überrascht wurde.

Weiterlesen…

April, April!

Die gestrige Sperrung unserer Website durch die Bundespolizei war natürlich ein Aprilscherz. (Hier ein Screenshot des Aprilscherzes.) Der kurz zuvor gegebene, etwas kryptisch formulierte Hinweis auf mögliche Probleme mit der Verfügbarkeit dieser Website in den nächsten Tagen diente zur Vorbereitung des Scherzes.

Und natürlich wurde die Website auch nicht „zur Beweissicherung beschlagnahmt“, obwohl die allgemein bekannte „Kompetenz“ deutscher Behörden in Sachen Internet eine solche Vorgehensweise nicht unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Wartungsarbeiten

Wartungsarbeiten abgeschlossen: Die Wartungsarbeiten sind abgeschlossen. Wenn ihr in den nächsten Stunden einen Fehler entdeckt, kann es sein, dass wir noch ein bisschen am Werkeln sind. Wenn er tagelang bestehen bleibt, schreibt bitte einen Kommentar zu diesem Text und versucht, den Fehler zu beschreiben, damit ich mich darum kümmern kann.

Der folgende Text verbleibt hier zu Archivzwecken:

In den nächsten Stunden bin ich mit Wartungsarbeiten an dieser Website beschäftigt. Dabei kann es vorkommen, dass die Site vorübergehend abgeschaltet wird und für eine Übergangsphase nicht im vollem Umfang verfügbar ist. Ich werde versuchen, die Arbeiten so schnell wie möglich abzuschließen, aber es kommt ja immer wieder zu gemeinen Fehlerquellen.

Diese Wartungsarbeiten sind nicht mit der Implementation neuer Features auf dieser Site verbunden. Es geht um eine technische Umgestaltung, die im Hintergrund läuft. Ich erwarte, dass ich in den nächsten Stunden vollständig damit fertig bin. Wenn die Site wieder im gewohnten Umfang zur Verfügung steht, wird diese Meldung ergänzt.

Resurrection Failure

Das Cover von Resurrection FailureIch habe aus einer Reihe bislang unveröffentlichter Stücke und aus einigen neuen Mixes bereits veröffentlichter Stücke das neue Album „Resurrection Failure“ zusammengestellt. Dieses Album ist unter den Bedingungen meiner Lizenz für freie Musik lizenziert und kann damit frei in nichtkommerziellen Kontexten verwendet und auch weiterverbreitet werden. (Allerdings wird eine Aufführung oder Verbreitung in werbefinanzierten Zusammenhängen in der Lizenz ausdrücklich ausgeschlossen, denn der Missbrauch meiner Musik als Werbeträger ist der Grund dafür geworden, dass ich auf diese Weise veröffentliche.)

Das neue Album steht hier zum Anhören und zum freien Download zur Verfügung. Die Musik ist natürlich GEMA-frei.

Der Charakter einer lockeren Zusammenstellung von „Überresten“ des musikalischen Schaffens führt natürlicherweise dazu, dass darin kein übergeordnetes Thema aufscheint. Alles ist gewissermaßen „Auferstanden aus Ruinen“ (und hoffentlich der Zukunft zugewandt), so dass auch Karl-Eduard von Schnitzler seine musikalische Würdigung zusammen mit einigen Störgeräuschen erhält. Der Stil ist minimalistisch, oft hypnotisch, und das Klangerlebnis wird von oft wenig musikwürdigen Geräuschen geprägt. Dennoch handelt es sich — vielleicht mit Ausnahme des Stücks „Geburtstag“ — nicht um Techno im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Die Stimmung ist grausam, teilweise recht kalt. Darin scheinen jedoch auch fröhliche, eher verspielte Momente auf, wie etwa im Stück „Donkey Kong“, das aus Samples des gleichnamigen Coin-Ops aus den Achtziger Jahren gebaut ist — und vielleicht auch an die sinn- und endlose Stratzerei nach oben erinnern kann, während einem irgendwelche Affen Stolperfässer vor die Füße rollen.

Es gibt auch zwei nachbearbeitete Stücke aus „Tote Vögel haben Spaß“, und hier möchte ich auch einmal auf das Re-Mastering dieses Albums von LUCiD Mixing und Mastering hinweisen, das meinem teilweise doch sehr schlecht gemasterten Album noch einiges abgewonnen hat. Ursprünglich wollte ich auch eine Überarbeitung meines Stückes „Selbstmord“ anfertigen und in diesem Album veröffentlichen, allerdings sind die darin verbauten und unwiederbringlichen Samples bei meinem letzten Plattencrash verloren gegangen. Kein Wunder, dass eine solche Absicht scheitern muss, wenn das Projekt den Arbeitsnamen „Resurrection Failure“ trägt… ;-)

Genug gesagt, jetzt haltet eure Ohren rein, wenn ihr noch nicht völlig abgeschreckt seid. Bis zu meinem nächsten, richtigen Album wird es noch ein bisschen dauern.

Aus dem Urlaub…

Auch wenn bei der White Darkness die Kunst zurzeit noch Urlaub macht, gibt es jetzt doch wieder etwas von uns. Wer uns finanziell ein wenig unterstützen möchte, kann als Dankeschön einige Werke, die in den letzten Jahren im Rahmen der White Darkness entstanden sind, als signierte Einzelstücke bekommen:

Das kann man jetzt alles als Dankeschön dafür bekommen, dass man die White Darkness finanziell unterstützt…

Weitere Informationen zu den erhältlichen Werken sind hier verfügbar…

The Meek shall Inherit the Earth

Computergrafik von Elias Schwerdtfeger: The Meek shall Inherit the Earth

Ein paar Erläuterungen zu diesem abstrakten Werk scheinen erforderlich zu sein.

Das Bild heißt etwas frei nach Mt. 5, 5 „The Meek shall Inherit the Earth“ (zu deutsch: „Die Sanftmütigen werden die Erde erben“). Durch diese Namensgebung, die im krassen Widerspruch zu der täglich beobachtbaren Weise steht, in der sich Gewalttäter die Erde zueigen machen, wird das Werk in den Kontext uralter Erlösungshoffnungen gestellt, die eine bessere Welt für alle als ein göttliches Wunder erwarten.

Doch das im Bilde Dargestellte scheint zunächst keinen Bezug zu diesem Titel zu haben. Im Zentrum des Bildes liegt eine golden glänzende Kugel auf einer vollkommen unverständlichen mythischen Landkarte — es handelt sich um die Seite f85v2 aus dem bis heute unentzifferten Voynich-Manuskript — die eher ein Abbild psychischen Materiales als ein Abbild der wirklichen Welt zu sein scheint. Diese „Landkarte“ spiegelt sich in der sehr unwirklich scheinenden Kugel wider und bekommt in diesem Vorgang des Spiegelns ebenfalls einen güldenen Farbton. Diese Anordnung ist umgeben von zwei recht trüben Spiegeln, die sie in vielen Kopien wiedergeben, so dass alternierend die helle, beleuchtete Seite der Kugel und die dunkle, unbeleuchte Seite einer kalten Kugel sichtbar wird, die eine im Psychischen verbliebene Welt widerspiegelt.

Würde sich die Kraft des Lichtes nicht in der mangelnden Reflexionsfähigkeit dieser Spiegel verlieren, so könnte die Wiedergabe in einem unendlichen Prozess das immer wieder gleiche hervorbringen: eine glänzende Kugel, die durch einen selbstbezüglichen Prozess in die Unendlichkeit einer Spiegelkammer voranschreitet. Doch das Licht läuft sich an der Wirklichkeit tot, und aus der Spiegelung einer farbigen, psychischen Landkarte im Goldglanz wird in diesem Prozess an einem Punkt, der zwar außerhalb des Bildes liegt, aber dennoch im Fortschreiten erahnbar ist, ein gestaltloses, erschlafftes Grau, dass sich in der Dunkelheit verliert — ein Abbild der Welt, die den Sanftmütigen, Kraftlosen und Hoffenden wirklich und wirksam zuteil wird.