Rückblick Whitedarkness Neun
Uff! Es ist Sonntag abend, die Abrechnung ist gemacht, die Korn aufgeräumt, die Kraft am Ende. Gelobt sei der Erfinder der Kopfschmerztablette!
Es war eine Whitedarkness, die wir alle so schnell nicht vergessen werden. Früher gab es einmal abergläubische Gerüchte, dass die Gräber der alten Pharaonen mit einem Fluch belastet seien. Zu diesem Aberglauben gesellten sich zahlreiche Koinzidenzen Am Samstag hätten wir beinahe geglaubt, dass die WD 9 ebenfalls verflucht sei. Aber nicht wegen einer Überlieferung, sondern wegen der Koinzidenzen.
Es hat wirklich nichts geklappt. Das fing schon mit dem Termin an, den wir nicht ganz so frei wählen konnten, wie wir das gern gehabt hätten. Wir versuchen eigentlich immer, Überschneidungen mit ähnlichen Veranstaltungen zu vermeiden, weil wir glauben, dass niemanden damit gedient wäre. Aber ausgerechnet für die große Release-Party des neuen Herbstschmerz-Albums „Flut“ hatten wir eine solche Gleichzeitigkeit von Veranstaltungen, da im Labor am gleichen Abend die Release-Party für das neue Nightwish-Album lief. Das ist schon etwas „unglücklich gelaufen“. Vor diese Wahl gestellt, wird sicherlich mancher eher ins Labor gegangen sein, um sich dort von den in Hannover sehr bekannten DJs Tobe und Worlock eine ordentliche Portion Gothrock und das sonstige Repertoire dieses Gespannes „auf die Ohren geben zu lassen“.
Dabei hätten wir Herbstschmerz wirklich einen richtig vollen Saal gewünscht.
Solche Erwägungen trübten unsere Stimmung schon im Vorfeld. Aber leider müssen wir mit so etwas leben — und wir werden auch in Zukunft alles tun, damit es nicht wieder zu solchen Überschneidungen kommt. Zu dieser getrübten Stimmung gesellte sich eine bislang in der Geschichte der Whitedarkness einmalige Serie von Pannen am Tage der Veranstaltung. Diese Pannen im einzelnen zu beschreiben, wäre vielleicht ein interessanter Lesestoff, aber bei uns überwiegt im Moment die Neigung, das alles erst einmal zu vergessen. Die gefährlichste Panne war es sicherlich, dass wir kein adäquates Mischpult für das Konzert zur Verfügung hatten und von daher für den kommenden Abend das Schlimmste befürchten mussten. Tatsächlich wurde das ganze Konzert mit einem etwa 30 Jahre alten Mischpult abgemischt, das nicht gerade unser Vertrauen erweckte und für dessen Bedienung man am liebsten Schmutzzulage gezahlt hätte. Aber dazu später etwas mehr. Noch eine Stunde vor Beginn des Einlasses waren wir uns gar nicht darüber gewiss, ob die Veranstaltung überhaupt durchführbar ist. Das sind keine guten Voraussetzungen.
So etwas gehört aber zu den Dingen, die wir nicht an den Menschen auslassen können, die für heute einen schönen Abend mit Herbstschmerz geplant haben. Etwas mürrisch und mit gebremsten Humor machten wir uns an die Arbeit. Ein großer Dank geht dabei an Herbstschmerz, die sich nicht zu schade waren, in dieser Situation mit anzupacken. Denn zu allem Überfluss stand die Anlage nicht wie gewohnt aufgebaut herum, sondern wartete eine Etage tiefer darauf, dass man sie über eine recht enge Treppe nach oben schleppte. Eine üble Plackerei!
Als wenige Minuten nach acht die ersten Gäste kamen, waren Herbstschmerz wegen der vielfachen Verzögerungen immer noch mit ihrem Soundcheck beschäftigt. Einige glaubten schon am Eingang, dass erst für 21:30 Uhr angekündigte Konzert hätte bereits begonnen — nun ja, das mussten wir etwas häufiger an der Kasse erklären. Was der Mischer Mic-L von Subterrasound mit dem wenig Vertrauen erweckenden Pult machte, grenzte für uns fast an ein Wunder. Es kam tatsächlich noch zu einem sehr brauchbaren Klang in diesem doch etwas problematischen Konzertsaal im UJZ Korn. Leider gingen wegen der fehlenden technischen Möglichkeiten in einigen Stücken die Gesangspassagen ein wenig unter, wie mir von anderen berichtet wurde — ob die wohl jemals verstehen können, dass mich diese „schlechte“ Nachricht mit Erleichterung erfüllte, weil ich innerlich auf ein regelrechtes Desaster eingestellt war?
Nein, ich kann bei meinem Urteil nicht auf meine eigenen Ohren vertrauen. Wer so eine Veranstaltung mitgestaltet, der bekommt viele Dinge nicht so richtig mit. Den größten Teil des Konzertes habe ich leise im Hintergrund gehört, als ich unten an der Kasse saß, und das klang bereits gigantisch. Die Begeisterung des Publikums war auch aus diesem Abstand unüberhörbar. Gut, dass ich zwischendurch auch einmal für gut zehn Minuten nach oben ging und mir Herbstschmerz so anhörte, wie sie eigentlich klingen sollten.
Als ich so einmal kurz in den Saal schaute, war ich beinahe erschüttert. Nicht nur, weil die technischen Probleme kaum zu einer Beeinträchtigung des Klangbildes führten. Nein, es war Herbstschmerz, und es war ein großartiges Konzert, das ich an der Kasse frierend verpasste. Vielleicht lag es ja am ganzen Frust des Tages (das ist so eine Rationalisierung, weil ich nicht wirklich auf Gothrock stehe), aber mir kam es wie eine Offenbarung vor. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht gerade zu euphorischen Ausbrüchen neige, und doch schien es mir für diese paar Minuten, als hörte ich das beste Gothrock-Konzert, das ich jemals gehört habe. Die Stimmung bei diesem Konzert war unbeschreiblich gut, offenbar war ich nicht der einzige, der so etwas ähnliches, schwer verbalisierbares empfand.
Ich habe gar keine Worte, um den Dank dafür auszudrücken, dass Herbstschmerz nach der ganzen, im Vorfeld gemeinsam erlebten Scheiße noch so ein geiles Konzert hingelegt hat. Schade, dass man so viel zu tun hat, wenn man etwas tut — ich wäre gern noch viel länger dabei gewesen.
Die Aftershow-Party konnte bei so einem Auftakt nur gut sein, und die beiden DJs Vulkan und Kid Chrome taten mit einer Mischung aus eingängigen „dunklen“ Hits und einigen seltener gehörten Stücken alles dazu, dass sich die Tanzfläche über Stunden hinweg nicht leeren wollte. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es an diesem Abend irgendwo eine bessere Veranstaltung gab — aber da bin ich natürlich voreingenommen.
Etwas weniger voreingenommene Rückblicke bitte in die Kommentare zu meinem Rückblick.
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